Nach seinem Abschied von Black Sabbath gruendete Ronnie James Dio 1983 seine eigene Band und landete gleich beim ersten Versuch einen Meisterstreich. Holy Diver ist ein Debut mit der Reife eines sofortigen Klassikers, getragen von einer der groessten Stimmen, die der Metal je kannte. Der Saenger beweist, dass er niemanden brauchte, um seine Vision durchzusetzen, und dass er eine ganze Band allein tragen konnte.

Eine Stimme ohnegleichen

Dio sang wie kein anderer: Kraft, Praezision, Sinn fuer das Dramatische. Er musste nie forcieren, um zu ueberzeugen, und jede Zeile wirkt gemeisselt. Auf dieser Platte beschwoert er eine Welt aus Koenigen, Damonen und inneren Kaempfen, ein fantastisches Theater, das zu seiner Signatur wurde und Generationen von Saengern praegte.

Die oft metaphorischen Texte handeln von Zweifel, Glaube und Freiheit, fern der Klischees des Genres. Das Titelstueck mit seiner duesteren Atmosphaere und seinem beschwoerenden Refrain bleibt einer der Gipfel seiner Laufbahn, ebenso das Bild des heiligen Tauchers, das er im kollektiven Gedaechtnis verankerte und nie ganz erklaerte.

Eine Band fuer den Moment

Um ihn herum lieferte ein junger Vivian Campbell Riffs und Soli, die zu Kultfavoriten wurden. Sein einschneidendes, melodisches Spiel brachte eine Modernitaet, die die Platte von Dios aelteren Arbeiten mit Rainbow oder Sabbath abhob, ohne das Erbe des klassischen Hardrock zu verleugnen.

Die Rhythmusgruppe mit Jimmy Bain am Bass und Vinny Appice am Schlagzeug legte ein solides Fundament, ohne je zu ueberladen. Das Ganze klingt kompakt, direkt, im Dienst der Songs, und jeder Musiker weiss genau, wann er hervortreten und wann er zuruecktreten muss, um der Stimme Luft zu lassen.

Hits am Fliessband

Rainbow in the Dark, mit seinem hellen Keyboard und seinem unwiderstehlichen Schwung, steht neben der rohen Energie von Stand Up and Shout und der Spannung von Don’t Talk to Strangers. Selten reihte ein Debut so viele Stuecke aneinander, die zu Standards wurden und bis heute bei jeder Hommage an den Saenger gespielt werden.

Diese Fuelle an Treffern ist kein Zufall: Dio verfeinerte sein Handwerk jahrelang, bevor er solo ging, und das hoert man in jeder Arrangemententscheidung. Schon das Cover, auf dem der Damon Murray einen Priester ertraenkt, ging in die Legende ein und fasst die dem Saenger teure moralische Mehrdeutigkeit zusammen, der Schein und Wahrheit gern umkehrte.

Holy Diver ist nicht nur ein grosses Dio-Album: Es ist eine der Saulen des Heavy Metal der Achtziger, eine Platte, auf der alles, die Stimme, die Riffs, die Melodien, am richtigen Platz sitzt. Ein unbestreitbares Meisterwerk, das ganze Generationen von Musikern und Saengern inspiriert hat.