Das 2008 erschienene Travels ist das erste Album von Defeater, der Band aus Massachusetts, die in den folgenden Jahren zu einem der grossen Namen des melodischen Hardcore werden sollte. Schon auf dieser Platte legt die Formation die Grundlagen einer seltenen Ambition: eine Geschichte uber mehrere Alben zu erzahlen, die einer Familie, gezeichnet von Krieg, Armut und Gewalt im Amerika der Nachkriegszeit. Travels folgt einer treibenden Figur, und diese erzahlerische Dimension verleiht der Platte eine ungewohnliche Tiefe. Die Idee eines uber mehrere Platten gespannten Erzahlzyklus zeugt von einer ungewohnlichen Vision fur ein Debut, fast romanhaft in ihrem Atem.

Eine Geschichte in Musik

Musikalisch verbindet die Band die Nervositat des Hardcore mit einer melodischen Sensibilitat, die die Emotion atmen lasst. Die Gitarren wechseln zwischen gespannten Riffs und klareren Arpeggien, die Rhythmik weiss zu beschleunigen und dann innezuhalten. Der Gesang, wund und geschunden, bewegt sich zwischen dem Schrei und einer Art verzweifelter Erzahlung. Diese Spannung zwischen Aggression und Verletzlichkeit ist der eigentliche Kern der Platte, das, was sie von einem rein frontalen Hardcore abhebt. Diese Art, die Emotion vor die technische Vorfuhrung zu stellen, verleiht der Platte eine Warme, die mit der Kalte vieler Produktionen des Genres kontrastiert.

Melancholie als Motor

Der erzahlerische Faden ist das, was am meisten auffallt. Defeater begnugt sich nicht damit, Stucke aneinanderzureihen: es baut einen Bogen, Figuren, eine Atmosphare. Die Texte erzahlen Schuld, Flucht und Mangel mit einer fast literarischen Prazision. Man spurt den Einfluss des amerikanischen Storytelling, jene Art, aus einem individuellen Schicksal den Spiegel einer Epoche zu machen. Selten ist das Debut, das von Anfang an solche Kohärenz der Vision zeigt. Jedes Stuck wird zu einem Kapitel, mit seinen Stillen und seinen Ausbruchen, als diene die Musik zuallererst dazu, eine Geschichte voranzutreiben.

Ein solider erster Stein

Die Platte ist nicht frei von Ungeschicklichkeiten: die Produktion bleibt bescheiden, und die erzahlerische Ambition ubersteigt bisweilen die musikalischen Mittel einer noch jungen Band. Manche Passagen hatten mehr Relief gebrauchen konnen. Doch diese Unvollkommenheiten mindern weder die Aufrichtigkeit des Ganzen noch die Kraft eines Projekts, das den leichten Weg verweigert. Travels ist eine Platte des Anfangs, mit allem Schwung und aller Zerbrechlichkeit, die das bedeutet. Man spurt eine Band, die lernt, wahrend sie erschafft, und gerade diese Zerbrechlichkeit hat teil am Reiz der Platte.

Indem es den Beginn eines Zyklus nachzeichnet, der sich uber mehrere Platten fortsetzen sollte, steht Travels als solider erster Stein, wesentlich, um die Laufbahn von Defeater zu verstehen. Es ist ein Album, das aufmerksames Horen belohnt, jenes, das der Geschichte ebenso folgt wie der Musik. Fur wen den melodischen Hardcore liebt, getragen von einer echten Vision, bleibt es eine leise, aber dauerhafte Referenz. Es ist ein Album, das mit der Zeit gewinnt, in dem Masse, wie der Horer seine Faden und die Echos von einer Platte zur nachsten erfasst.