Das 2016 erschienene Stage Four ist eine Platte, zutiefst gezeichnet von Trauer. Die Band aus Los Angeles stellt sich frontal dem Verlust eines geliebten Menschen, einem Thema, das der Sanger mit einer erschutternden Intensitat tragt. Der Titel selbst beschwort die Schwere einer Krankheit, die ihr letztes Stadium erreicht hat. Fern jeder Kunstlichkeit verwandelt die Platte diese intime Erfahrung in ein universelles Zeugnis uber Schmerz und Erinnerung. Die Band verwandelt eine unmoglich zu teilende Erfahrung in eine gemeinsame Sprache und bietet den Horern einen Spiegel ihrer eigenen Verluste.

Trauer entblosst

Musikalisch fuhrt Touche Amore seinen emotionalen Post-Hardcore fort, aus schimmernden Gitarren und Tempi, die Spannung und Aufschwung abwechseln. Der Gesang, wund und nahezu durchgehend geschrien, tragt eine Flut von Texten, die einem laut gelesenen Tagebuch gleicht. Diese verbale Dringlichkeit, diese Art, alles ohne Zuruckhaltung zu sagen, steht im Kern der Identitat der Band und erreicht hier eine Art emotionalen Hohepunkt. Diese Art, alles ohne Filter zu sagen, schafft eine unmittelbare Bindung, als wurde der Horer zum Vertrauten eines intimen Schmerzes.

Eine kollektive Katharsis

Was Stage Four so eindringlich macht, ist die absolute Aufrichtigkeit seines Themas. Die Platte sucht nie, den Verlust zu beschonigen, sie erkundet seine Stufen: den Schock, die Schuld, das Fehlen, die Erinnerungen, die in Wellen zuruckkehren. Es liegt eine paradoxe Scham in dieser Schamlosigkeit, eine Wurde darin, alles offenzulegen. Selten sind die Platten, die es schaffen, Trauer so greifbar zu machen, ohne je in Pathos zu versinken. Die Platte schreitet in Wellen voran, wechselt zarte Erinnerungen und Anfalle von Wut ab und umfasst die unvorhersehbaren Bewegungen der Trauer.

Schonheit im Schmerz

Man konnte einwenden, dass die permanente Intensitat der Band wenig Raum zum Loslassen lasst, dass der Horer bisweilen erschopft aus diesem Horen hervorgeht. Doch das ist auch, was ihre Starke ausmacht: Stage Four bietet keinen Trost, es bietet eine Wahrheit. Die Musik umarmt den Schmerz, statt ihn zu mildern, und diese emotionale Ehrlichkeit ist genau das, was so sehr beruhrt. Es liegt eine Art Mut darin, seine Verletzlichkeit so zu entblossen, die Scham zu verweigern, um eine grossere Wahrheit zu erreichen.

Am Ende steht Stage Four als einer der Gipfel der Laufbahn von Touche Amore, eine Platte, die Kummer in Gemeinschaft verwandelt. Indem sie das Innerste teilt, bietet die Band ihren Horern einen Raum fur die eigene Trauer. Es ist ein schwieriges Album, aber zutiefst menschlich, eines von jenen, die jene, die ihnen lauschen, lange begleiten. Es ist ein Album, das man nicht leichtfertig hort, das aber, einmal durchschritten, eine bleibende und seltsam trostende Spur hinterlasst. Indem sie ihren Kummer zu einem Werk macht, erinnert die Band daran, dass Musik auch dazu dienen kann, das Verlorene lebendig zu halten. Gerade in dieser Schutzlosigkeit liegt seine tiefste und dauerhafteste Kraft.