Das dritte Album der Berliner Band Rammstein, Mutter, bestaetigte 2001 den internationalen Status der Gruppe. Als Saeule der Neuen Deutschen Haerte verbindet diese Platte massive metallische Riffs, orchestrale Arrangements und die hoehlenartige Stimme von Till Lindemann in einer theatralischen Aesthetik, die zu ihrem Markenzeichen und zu einem Modell des europaeischen Industrial Metal wurde.

Beherrschtes Uebermass

Schon mit dem Auftakt « Mein Herz brennt » zeigt das Album seinen Ehrgeiz: feierliche Melodien, grandiose Keyboardflaechen von Flake Lorenz und aus Granit gehauene Gitarren von Richard Kruspe und Paul Landers. Der Kontrast zwischen mechanischer Schwere und fast symphonischen Hoehenfluegen verleiht der Platte eine fuer die Band neue filmische Dimension.

Das Kollektiv handhabt die Uebertreibung mit unerschuetterlichem Ernst und verwandelt jedes Stueck in eine kleine Industrieoper, in der schwarzer Humor an Ernst grenzt. Die rhythmische Strenge von Bass und Schlagzeug gibt dem Ganzen ein unerbittliches, fast martialisches Fundament, auf dem sich die Orchestrierungen niederlassen.

Einpraegsame Hymnen

Das Album quillt ueber von Stuecken, die unverzichtbar wurden. « Sonne » mit seinem unerbittlichen absteigenden Riff, « Ich Will » mit seiner ansteckenden Energie oder « Feuer Frei! » setzen einfache und ungeheuer wirksame Refrains durch, gemacht, um von ganzen Menschenmengen zurueckgesungen zu werden. Das Titelstueck « Mutter » erkundet hingegen eine intimere und schmerzhaftere Ader, um die Mutterfigur.

Die deutsche Sprache, weit davon entfernt ein Hindernis zu sein, verstaerkt die perkussive Wucht des Gesangs und traegt voll zur Klangidentitaet der Band bei. Lindemanns Stimmfarbe, die die Konsonanten mit theatralischem Nachdruck rollt, wird zu einem eigenstaendigen Instrument, unter allen wiedererkennbar.

Eine totale Aesthetik

Bei Rammstein ist die Musik nie von der Inszenierung getrennt. Mutter uebersetzt das Uebermass ihrer Konzerte in Klang, gemacht aus Pyrotechnik und provokativen Bildern. Die monumentale, praezise Produktion meisselt jedes Element mit aeusserster Sorgfalt und laesst die Orchestrierungen atmen, ohne je die Kraft der Gitarren zu ersticken.

Diese Kohaerenz zwischen Bild und Klang erklaert die anhaltende Faszination, die die Band weit ueber das Metal-Publikum hinaus ausuebt. Mit Mutter erreicht Rammstein einen perfekten Gleichgewichtspunkt zwischen Brutalitaet und Raffinesse, zwischen Provokation und Melodie. Das Album bleibt eine Referenz des europaeischen Industrial Metal, faehig, durch seine unmittelbare Kraft ebenso zu verfuehren wie durch den Reichtum seiner Arrangements. Eine monumentale Platte, die nichts von ihrer Kraft verloren hat.