Das dritte Album der US-Amerikaner Saint Vitus, Born Too Late (1986), markiert einen grossen Wendepunkt: den Einstieg von Sanger Scott Wino Weinrich, der Scott Reagers ersetzt. Dunkel und ernuchtert, verkorpert diese Platte den Geist des fruhen amerikanischen Doom Metal, einer Musik, die langsam, am Rand und stolz darauf ist, gleichgultig gegenuber den Moden, die damals den Metal durchzogen. In einem Moment, in dem der Extreme Metal noch nach seiner Form sucht, entscheidet sich die Band aus Los Angeles bewusst zu verlangsamen, wahrend alle anderen beschleunigen, und macht dieses Gegen-den-Strom zu ihrer Daseinsberechtigung. In dieser Haltung liegt eine Art Mut, fast eine Provokation.
Der Einstieg von Wino
Der neue Sanger bringt eine heisere, beseelte Stimme voller Schwermut. Seine Prasenz verwandelt die Band und verleiht ihr eine endgultige Identitat, fast ein Mehr an Seele. Im Titelstuck, einer Hymne der Aussenseiter, verkorpert er das Gefuhl, in der falschen Zeit geboren zu sein, vollig aus dem Takt mit seiner Welt. Selten hat ein Song die Einsamkeit des Aussenseiters und die Ablehnung des Konformismus so gut ausgedruckt.
Dieses Thema von Ausschluss und Zuruckweisung sollte zentral fur die Bildwelt des Doom werden, eines Genres, das aus der Randstandigkeit einen Stolz macht. Wino ist nicht bloss ein Sanger: er wird zum Sprecher aller, die sich nirgends zu Hause fuhlen.
Ein dreckiger, aufrichtiger Doom
Musikalisch bleibt Saint Vitus dem Erbe von Black Sabbath treu: langsame, schwere Riffs von Dave Chandler, dissonante und fast wilde Soli, eine bleierne Rhythmik. Der rohe, schmucklose Klang verweigert jede Raffinesse zugunsten der Authentizitat, wie eine lange Nase gegenuber den geschliffenen Produktionen der Zeit.
Diese bewusste Rauheit, in der Haltung fast punkig, hebt die Band von ihren Zeitgenossen ab und verleiht ihr eine Jahrzehnte spater noch intakte Glaubwurdigkeit. Saint Vitus spielen nicht, um zu gefallen: sie spielen, um eine dunkle Wahrheit auszusprechen, und diese Aufrichtigkeit trifft mitten ins Herz.
Ein Kultklassiker
Bei Erscheinen hatte Born Too Late nur bescheidenen Erfolg, die Band blieb am Rand der grossen Metaltrends der 1980er, die damals von Speed und Glam beherrscht wurden. Doch die Zeit hat ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen: heute gilt sie als eine der Saulen des amerikanischen Doom, ein grosser Einfluss auf die gesamte spatere Szene, von Sludge bis Stoner.
Ehrlich, roh und emotional kraftvoll, spricht diese Platte alle an, die sich je aus der Zeit gefallen fuhlten, fremd in ihrer eigenen Epoche. Wino findet hier eine Rolle, die er nie mehr ganz ablegen wurde, die des Barden der Ernuchterung, und seine Darbietung zahlt zu den eindrucklichsten seiner Laufbahn. Auch die relative Kurze des Albums spielt ihm in die Hande: nichts zieht sich, jedes Stuck trifft und verschwindet wieder und hinterlasst einen bleibenden Eindruck. Ein Manifest des Randes, musikalisch so schwer wie menschlich, dessen Nachhall uber die Jahre nur gewachsen ist. Wertung: 8.5.








